Rio de Janeiro/Ilheus/Maceio (Brasilien), Tag 138 & 139
Maceió: Besuch der Vorschule Canta Sabiá
20.08.2010
Die Straße des Todes
„Wir sind nicht nur verantwortlich für das, was wir tun, sondern auch für das, was wir nicht tun.“ (Voltaire)
Rio de Janeiro (SBRJ) – 22° 54′ 30″ S, 43° 11′ 47″ W
Ilhéus (SBIL) – 14° 47′ 30.34″ S, 39° 2′ 31.17″ W
Maceió (SBMO) – 9° 39′ 58″ S, 35° 44′ 17″ W
Distanz: 946 NM
Flugzeit: 6 Stunden
Tag 138, 19. August 2010
Bei 22 Grad und Sonnenschein genießen wir in der Piper Cheyenne sitzend einen imposanten 360-Grad-Blick auf Rio de Janeiro, zweitgrößte Stadt Brasiliens. Heute Morgen fliegen wir weiter in die Küstenstadt Maceió im Bundesstaat Alagoas. Doch zuvor überqueren wir die über 3.000 Meter hohen Berge im Norden Rios. Die Landschaft hier ist urwüchsig und sehr grün. Flüsse, deren Wasser schlammbraun ist, durchziehen das Land und verlieren sich rasch im Tiefblau des Atlantik. Wir folgen der brasilianischen Küste bis zur Stadt Ilhéus, wo ich für einen Tankstopp lande. Auch hier ist der Sprit teuer, dieses Mal kostet er sogar 2,30 US-Dollar pro Liter. 
Für den Weiterflug erhalten wir die Genehmigung, entlang der gesamten Küste in nur 2.000 Fuß Höhe, knapp 700 Meter, fliegen zu dürfen. Ein Geschenk, wie ich finde, denn vor uns liegen noch rund 400 NM und es gibt viel zu sehen: wunderschöne, endlose Strände, teilweise gesäumt von undurchdringlich scheinendem Urwald. Weiter geht es über die Urlaubsmetropole Salvador da Bahia und gegen 16 Uhr landen wir in Maceió.
Die Stadt liegt direkt am Atlantik und soll das Armenhaus Brasiliens sein. Wir kommen hier her, um das fünfte Hilfsprojekt auf der FLY & HELP-Weltumrundung persönlich zu besuchen. Ich möchte mit den Menschen sprechen, die sich seit vielen Jahren über die Nichtregierungsorganisation (NGO) Erê dem Kampf gegen das Elend der Straßenkinder verschrieben haben. Nach der Landung empfängt uns eine kleine Delegation der Hilfsorganisation herzlich am Flughafen: Atila, der Leiter, die Lehrerin Louisi und Jossi, die Betreuerin der Kinder und ihrer Familien. Freundlicherweise unterstützt uns auch die 21-jährige Kathi als Dolmetscherin. Sie ist ehrenamtlich für einige Monate in Brasilien, unter anderem um ihr Portugiesisch zu verbessern.
Ein bestimmt 40 Jahre alter VW-Bus bringt uns in anderthalb Stunden Fahrt zum Hotel. Der Wagen ist ein Geschenk der Kirchengemeinde Halstenbek aus Deutschland, die das brasilianische Projekt seit vielen Jahren begleitet. Beim Blick aus dem Fenster fällt mir vor allem die große Armut auf. In kleinen Kanälen wird verunreinigtes, stinkendes Wasser ins Meer geleitet. Ich kann mir gar nicht vorstellen, dass unweit der Stadt die schönsten Strände Lateinamerikas liegen sollen.
Wir alle sind müde von diesem langen Tag. Nach dem Abendessen zieht sich jeder in sein Hotelzimmer zurück. Die Räume sind klein, etwa sieben Quadratmeter groß und haben keine Fenster. Die Stimmung ist gedrückt, denn vor der Haustür müssen Menschen auf der Straße schlafen.
Tag 139, 20. August 2010
Mit dem VW-Bus geht es heute Morgen in die von Erê ins Leben gerufene Vorschule Canta Sabiá in der Favela. Die vier Mitarbeiter vor Ort haben alle Hände voll zu tun. Ihre Arbeit finanziert sich ausschließlich aus Spenden. Schon seit 20 Jahren betreut die NGO Projekte für Straßenkinder, darunter auch diese Bildungseinrichtung. Darauf aufmerksam gemacht hat mich Stephan Glöckner, ein Gast meiner Radiosendung „Mein Abenteuer“. Er stammt aus der Eifel und engagiert sich ebenfalls schon seit einiger Zeit für die Kinder von Maceió.
Insgesamt 40 Mädchen und Jungen im Alter zwischen vier und sechs Jahren werden in der kleinen Vorschule unterrichtet. Louisi ist die einzige Lehrerin und gibt sich sichtlich große Mühe. Ihre Schützlinge schauen uns zunächst etwas schüchtern an, werden aber recht schnell munter und sind fröhlich. Viele Kinder haben sehr junge Mütter, die ihr Geld mit Prostitution verdienen. Oftmals stammen sie aus verwahrlosten Familien. Erê verfolgt das Ziel, den Mädchen und Jungen durch Bildung ein Leben jenseits der Straße zu ermöglichen.
Zu unserem Besuch in der Vorschule sind auch Kamerateams und Journalisten eingeladen. Schnell bin ich umringt und gebe Interviews zu meinem Vorhaben und der FLY & HELP-Stiftung. Denn wir planen, die Einrichtung um weitere drei Klassenräume zu erweitern, damit bald 120 Straßenkinder spielend an das Lesen, Schreiben und Rechnen herangeführt werden können. Über meine Stiftung stelle ich dafür 24.000 Euro zur Verfügung. Der Baubeginn ist für September angesetzt und die Bauplaner rechnen damit, die Arbeiten Anfang kommenden Jahres abzuschließen.
Nach einigen Stunden verabschieden wir uns von den Kindern und fahren mit dem Projektleiter Atila weiter zu Familien, deren Kinder die Vorschule besuchen. In einer ärmlichen Baracke lebt eine Mutter auf engstem Raum mit ihren 13 Kindern. Ihr Mann wurde vergangenes Jahr ermordet. Nun sammelt sie Pappe auf der Straße und verkauft diese weiter, um die Familie zu ernähren. In der Wohnung ist es schmutzig, überall stapelt sich Müll, es riecht unangenehm, die Betten sind zerlumpt und jede Menge Kinder laufen um uns herum. Eins davon wird über Erê unterstützt.
Der Stadtteil, in dem wir uns hier befinden, gilt als der gefährlichste ganz Maceiós und die Hauptstraße des Viertels wird „Straße des Todes“ genannt. Atila berichtet, dass wöchentlich Menschen wegen Drogengeschäften getötet, das heißt erschossen werden.
Dann besuchen wir eine 26-jährige Frau und ihren 28-jährigen Ehemann in ihrer Behausung. Sie haben bereits drei Kinder und erwarten in kürze Nachwuchs. Es herrschen furchtbare Zustände. Obwohl beide noch so jung sind, hat das Leben seine Spuren hinterlassen und lässt sie wie alte Leute wirken – müde, traurig und ohne Träume. Seit 22 Jahren ist die Straße ihr zu Hause, nun hat die Regierung ihnen ein Dach über dem Kopf gegeben. Unter der Kleidung blitzt eine Narbe auf dem Bauch der Frau hervor, Zeichen eines Überfalls auf offener Straße. Über den ganzen Körper verteilt hat sie weitere vernarbte Messerstiche.
Unterwegs spricht uns ein junger Mann an. Er ist Ende 20 und wuchs ebenfalls auf der Straße auf. Wir erfahren, dass all seine Freunde Opfer von Kriminalität wurden und nicht mehr leben. Die Gewalt geht von rivalisierten Banden aus, oft aber auch von der Polizei selbst. Der junge Mann ist zudem an AIDS erkrankt.
Als der Tag endet, bin ich zutiefst erschüttert und aufgewühlt. Neben Kalkutta sind es die schlimmsten Eindrücke und Einblicke, die ich bisher auf der Weltumrundung bekommen habe. Es wird mich und auch die anderen noch Tage beschäftigen.
Alle Bilder des Blogs habe ich für Sie zusätzlich im Album zur vierten Etappe in der
FLY
&
HELP-Bildergalerie hinterlegt.
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