Karani (Indien), Tag 41
Interview im indischen Fernsehen
24.03.2010
Herzlicher Empfang an der Zion Elementary School in Karani
„So weit ihr auch gehen, so hoch ihr auch steigen wollt: Ihr müsst stets mit einem einfachen Schritt beginnen.“ (Francois Cheng)
Es ist 7.30 Uhr am Mittwoch Morgen und wir wollen nach Karani aufbrechen, um das von FLY & HELP geförderte Schulprojekt zu besuchen. Was aber fehlt, ist unser Fahrer. Mit einer Stunde Verspätung geht’s dann doch los. Während der Autofahrt erzählt unsere Begleiterin Grace viel über das indische Alltagsleben, so wird die Zeit nicht lang.
Wir erfahren, dass Mädchen auf dem Land schon mit circa zwölf Jahren verheiratet werden. Der vermeintlich passende Mann wird von der Familie meist bei der Geburt des Mädchens bestimmt. Scheidungen sind tabu.
Noch immer wird Mahatma Gandhi sehr verehrt. Er widersetzte sich friedlich gegen die britische Kolonialherrschaft und trat für ein freies Indien ein, zu dem auch Pakistan gehören sollte. Die verschiedenen Religionsgruppen sollten friedlich in dem siebtgrößten Land der Erde leben. Doch Radikale haben ihn ermordet, genauso wie später auch Indira Gandhi, die Premierministerin des Landes. Pakistan spaltete sich von Indien ab und beide Länder stehen heute in einem angespannten Verhältnis zueinander.
Nach einer dreistündigen Fahrt erreichen wir die Zion Residential Elementary School im Dorf Karani. Die Kinder stehen Spalier und werfen Orchideen und Rosenblätter über uns. Sie rufen „Halleluja Reiner“, „Halleluja Arnim“, „Halleluja Andreas“ und singen anschließend ein Lied für uns.
Ich nehme ein kleines Mädchen auf den Arm. Sie strahlt mich aus großen Augen an und drückt mich. Das Schulteam und die Leiterin Hemalata kümmern sich liebevoll und rührend um die Kinder. Sie alle sind wohlerzogen und freundlich. Auch wir wollen ihnen eine kleine Freude machen und haben viele FLY & HELP-T-Shirts dabei sowie Puppen, Weltkarten und Schreibutensilien.
Dann wird uns die 38-jährige Ragini vorgestellt. Sie ist Lehrerin hier und zeigt uns stolz die Klassenräume, in denen gerade einige der 200 Kinder sitzen und fleißig lernen. Meist werden Schüler mehrerer Jahrgänge in einem Klassenzimmer betreut. Immer wenn ich einen Raum betrete, rufen sie sogleich meinen Namen und freuen sich.
Die zurückhaltende Ragini ist eine Lehrerin, deren Stelle in den nächsten Jahren über ein Lehrerstipendium der FLY & HELP Stiftung finanziert wird. Sie und ihre Kolleginnen tragen mit modernen Unterrichtsmethoden dazu bei, dass die Kinder über das Allgemeinwissen hinaus auch Fremdsprachen lernen und für weiterführende Schulen vorbereitet sind. Wir unterstützen die Einrichtung für drei Jahre mit Spenden in Höhe von insgesamt 20.000 Euro.
Der Schule angeschlossen ist zudem eine Dorfambulanz und eine Abteilung für technische Weiterbildung. Oft kommen die älteren Jugendlichen aus dem Waisenhaus, das wir gestern in Chennai besichtigt haben, nach Karani, um eine feste Anstellung in der Werkstatt zu finden.
Unser Zeitplan ist heute eng gestrickt. Hemalata, die mit ihrer Familie neben dem Waisenhaus in Chennai auch diese Schule hier in Karani führt, ist im indischen Landesparlament. Sie möchte in unserem Beisein die Landbevölkerung besuchen. Praktisch sieht das so aus, dass unserem eigenen kleinen Konvoi ein Tross aus Journalisten und Leibwächtern folgt.
Im Ort Suratupalli besuchen wir eine Weberei. Von der Verarbeitung der Baumwolle und Seide leben hier 200 Familien. Mich betrübt, dass teilweise 10-jährige Kinder die Webstühle bedienen. Für drei Tage Arbeit erhält eine Arbeiterin 200 Rupies, umgerechnet vier Euro. Heiner Schneider, Brauereibesitzer aus Hachenburg und seit Jahren für den Verein Kinderheim und Dorfambulanz Südindien aktiv, betont während der Besichtigungstour bestimmt hundertmal, wie gut es uns doch geht. Wie recht er hat.
In einem anderen Dorf erklärt uns der Dorfälteste das Kastensystem. Er führt vier Hauptkasten auf, bei denen zum Beispiel nach Gelehrten, Handwerkern und Arbeitern unterschieden wird und die sich wiederum in zig Unterteilungen auffächern. In einem dritten Ort nehmen wir an einer Hindi-Tempelpredigt teil.
Auf der abschließenden Pressekonferenz interessieren sich die mitgereisten Journalisten für die Ziele von FLY & HELP und fragen, ob wir wiederkommen. Das werden wir! Im Interview mit dem indischen Fernsehen versichere ich, in Deutschland auf das Leid der Menschen und ihre schwierigen Lebensbedingungen aufmerksam zu machen. Der Reporter nickt und bestätigt die Eindrücke des Tages, dass auf dem Lande bittere Armut herrscht. Ich greife seinen Gedanken auf und möchte nicht unerwähnt lassen, dass die Menschen, die ich kennengelernt habe, trotz der Armut nicht verbittert sind, sondern reich an Gastfreundschaft. Sie haben ein Herz aus Gold, was sie für mich reich und einmalig macht. Die Journalisten applaudieren. Ich freue mich mit Hemalata zusammen auf dieser Pressekonferenz zu sein und bin glücklich und froh, die Situation mit meinem Schulenglisch zu meistern.
Auf der Rückfahrt kommen wir genau in die Hauptverkehrszeit von Chennai, ehemals Madras. Unser Fahrer Simon erzählt, dass die Nationalisten vor Jahren alle Orte umbenannt hätten. So heißt Bombay nun Mumbai und Kalkutta Kolkata. Bei Arnim kommt schon Vorfreude auf. Er summt vor sich hin und reimt ein paar selbstgedichtete Zeilen – Kalkutta und der Ganges kommen auch darin vor, denn in zwei Tagen landen wir dort.
15 Stunden waren wir auf dem Land unterwegs. Wieder bin ich todmüde, aber für den Blog reicht es noch. Es tut mir gut, meine Erlebnisse festzuhalten.
Die schönsten Bilder zur zweiten FLY & HELP Etappe habe ich in unserer Bildergalerie hinterlegt!


